Blog

Odyssee im Corona-Reisechaos

Ich hege einen Groll gegen die Reisebranche im Allgemeinen und die Luftfahrtindustrie im Besonderen. Das ist zugegeben eine eher ungewöhnliche Aussage für jemanden der seine Brötchen als Analyst für Reisesicherheit verdient, aber meiner Meinung nach durchaus begründet. Schließlich ist es ein ganz erheblicher Unterschied, ob man das derzeitige Reise-Chaos vom kühlen Büro aus analysiert oder der sommerlichen Kernschmelze der Reiseindustrie live und in Farbe beiwohnen darf – aber der Reihe nach.

Eine Katastrophe jagt die Nächste

In der Reisebranche (siehe A3M-Report) herrscht im Sommer 2022 Alarmstufe rot. Nach mehr als zwei entbehrungsreichen Jahren Pandemie wollen viele Menschen den langersehnten Urlaub einfach nicht länger aufschieben. Die allgemeine Reiselust hat sich dementsprechend fast vollständig von COVID-19 erholt, was man von der Reiseindustrie und insbesondere der Luftfahrtbranche nicht unbedingt behaupten kann. Anstatt pandemiebedingter staatlicher Einreisebeschränkungen ist es nun vor allem der durch COVID-19 Infektionen, vorherige Entlassungen und unterlassene Wiedereinstellungen verursachte Personalmangel, der für Chaos im Flugverkehr sorgt. Erschwerend hinzu kommen Streiks vollkommen überlasteter Arbeiter in der Transportindustrie sowie der durch den Ukraine-Krieg verursachte Doppelschlag steigender Kerosinpreise und der Sperrung wichtiger russischer Flugrouten. Die Folgen sind wenig überraschend: Tausende von Flugausfällen, zahllose Verspätungen und lange Schlangen an den Flughäfen.

Fortbildung mit Hindernissen

Meine persönliche Reise-Horrorgeschichte ist aber sogar vor diesem Hintergrund eher ungewöhnlich. Es begann alles mit der brillanten Idee, ein Fortbildungsseminar in Berlin mit einem Kurztrip zu Freunden in London zu kombinieren. Abgesehen von einigen kleineren Verspätungen verlief zunächst alles wie geplant, am Tag meiner Abreise aus der britischen Hauptstadt traf mich das Reisechaos dafür umso härter: Zuerst verlegte die Airline meinen Flug vom frühen Nachmittag auf den Abend und ein unangekündigter Zugstreik legte alle Schnellzüge zu den Hauptstadtflughäfen lahm. Als ich dann trotz dieser Widrigkeiten endlich am Flughafen London Luton eintraf, erfuhr ich, dass die Airline nicht nur meine Abflugzeit, sondern auch direkt den Abflughafen meines Fluges geändert hatte – ohne es mir mitzuteilen.

Angetrieben von der Hoffnung auf die derzeitigen massiven Verspätungen im Flugverkehr machte ich mich sofort auf den Weg zum Flughafen London Gatwick, konnte meinem Flug aber nur noch zum Abschied hinterherwinken. Damit hatte ich den letzten Flug nach Berlin verpasst und alle Hotels in Flughafennähe waren natürlich komplett ausgebucht. Ich beschloss also die Nacht direkt am Flughafen zu verbringen und staunte nicht schlecht als einige meiner Mitleidenden plötzlich Isomatten, spezielle Nackenkissen und vereinzelt sogar Schlafsäcke herausholten. Mein besonderer Respekt gilt an dieser Stelle dem Kollegen, der es offenbar geschafft hat trotz konstanter Licht- und Lärmbeschallung die komplette Nacht auf dem nackten Flughafenboden durchzuschlafen. Im Gegensatz zu diesen Flughafenprofis musste ich leider mit meinen bloßen Händen als Kopfkissen Vorlieb nehmen – mit eher mäßigem Erfolg.

So wie der eine Tag endete, ging es am nächsten Tag direkt weiter. Der Flug, den ich für einen satten Aufpreis gebucht hatte, war wegen eines nicht spezifizierten „Sicherheitsvorfalls“ mehr als eine Stunde verspätet und die Gepäckausgabe addierte eine weitere Stunde. Folglich erschien ich zu meiner Fortbildung nicht nur mehrere Stunden zu spät, sondern auch noch vollkommen übermüdet. Um der Sache dann noch die Krone aufzusetzen, wurde auch noch meine Fernbusreise in die Heimat gestrichen und automatisch durch eine Zugreise mit mehreren Umstiegen und Ankunft mitten in der Nacht ersetzt. In der Retrospektive betrachtet, hegt die Reisebranche vielleicht eher einen Groll gegen mich als andersherum.

Was Reisende beachten sollten

Das obige Erlebnis sollte wohl selbst im Reisesommer 2022 eher die Ausnahme als die Regel darstellen, aber Reisende sollten beachten, dass innerhalb der EU bei erheblichen Verspätungen und Annullierung Anspruch auf Entschädigung besteht. (EU-Fluggastrechte und EU-Fahrgastrechte bei Busreisen). Vor allem seit Beginn der Pandemie wurden diese Fahrgastrechte von Reiseunternehmen oft ignoriert. Reisende sollten deshalb ihre Rechte aktiv einfordern und nicht erst darauf warten, von ihrem jeweiligen Beförderungsunternehmen kontaktiert zu werden.

Um solchen Reisefrust von Anfang an zu vermeiden, sollten Reisende bei internationalen Flügen etwa drei Stunden im Voraus am Flughafen sein und falls möglich digitale Reiseerleichterungsangebote wahrnehmen (Online Check-in, kontaktlose Gepäckaufgabe etc.). Außerdem haben zwar viele Länder ihre COVID-19-bedingten Einreisebeschränkungen größtenteils aufgehoben, deren Rückkehr ist aber angesichts steigender Fallzahlen jederzeit möglich. Deshalb sollten sich Passagiere unbedingt über die Einreisebestimmungen in ihrem Zielland informieren (siehe A3M-Informationsportal zu länderspezifischen Einreisebeschränkungen). Platz im Kofferraum ist zwar immer rar, aber sollte es trotzdem zu längeren Aufenthalten am Flughafen kommen, kann ein kleines Kopfkissen in Kombination mit Ohrstöpseln und Schlafmaske schon einen erheblichen Unterschied machen. Letztendlich muss aber allen Reisenden trotzdem geraten werden, eine gehörige Frustrationstoleranz beim Packen nicht zu vergessen.

Detaillierte A3M-Analysen zum Chaos im Reiseverkehr finden Sie hier und zur Wahrscheinlichkeit eines Corona-Comebacks und dessen Auswirkungen auf den Reiseverkehr hier

Author

Michael Trinkwalder