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Sri Lanka: Zwischen COVID-19 und Wirtschaftskrise

UPDATE Sri Lanka: Gefangen zwischen COVID-19 und Wirtschaftskrise

Der südasiatische Inselstaat versinkt im Chaos. Welche Auswirkungen hat die verheerende Wirtschaftskrise auf die Reisebranche?

Seit 2021 sind Lebensmittel auf Sri Lanka um ca. 30 Prozent teurer geworden, besonders die russische Invasion in die Ukraine hat die Treibstoff- und Lebensmittelpreise zuletzt in die Höhe schießen lassen. Die Menschen haben mit leeren Tankstellen, Stromausfällen und fehlenden Medikamenten zu kämpfen. Die ohnehin schon marode Wirtschaft des Landes bewegt sich auf den Kollaps zu: Sri Lanka stünde kurz vor der Zahlungsunfähigkeit und würde die mehr als 50 Milliarden US-Dollar an Schulden vorerst nicht zurückzahlen, gab die Zentralbank vor wenigen Wochen bekannt. Die Proteste der verärgerten Bevölkerung nahmen im März an Fahrt auf und Rufe nach dem Rücktritt der politischen Führung wurden immer lauter. Die Herrscherfamilie, der neben Staatspräsident Gotabaya Rajapaksa und Ministerpräsident Mahinda Rajapaksa noch zwei weitere Minister angehören, geriet zusehends unter Druck. Diesem Druck mussten schon bald erste Regierungsmitglieder weichen: Als tausende Menschen im April den offiziellen Wohnsitz des Präsidenten zu stürmen versuchten, kam es zu mehreren Rücktritten. Die Proteste schwelten jedoch wochenlang weiter und mündeten Anfang Mai gar in einen Generalstreik.

Beeinträchtigungen für Reisende zunächst überschaubar

Gerade als sich die beliebte Urlaubsinsel aus dem lähmenden Griff der COVID-19-Pandemie gelöst hatte, versetzten die Unruhen ihrer Tourismusbranche einen gehörigen Dämpfer. Die Zahl der ausländischen Besucher im April 2022 (63.000) ist im Vergleich zum Vormonat (160.000) deutlich gesunken, wobei ein Großteil der Reisenden seinen Urlaub bisher trotzdem relativ störungsfrei verbringen konnte: „Es gab einige Streiks, aber das hat uns nicht besonders getroffen“, berichtet Naira, die zusammen mit ihrem Mann die Flitterwochen im Küstenort Galle, südlich der Hauptstadt Colombo verbracht hat. Nur die Treibstoffknappheit hätte ihr Sorgen bereitet, erzählt sie. Wer dieses Frühjahr auf sri-lankischen Straßen ganz klassisch mit dem Motorroller unterwegs gewesen ist, dürfte von der verheerenden Versorgungslage wohl noch am meisten mitbekommen haben.

Die Situation spitzte sich mit den Ereignissen vom 9. Mai jedoch signifikant zu: Die Regierung hatte als Reaktion auf die Proteste ihrerseits Anhänger mobilisiert. In Bussen wurden ganze Gruppen linientreuer Demonstranten nach Colombo gekarrt und gingen dort, mit Stöcken bewaffnet, auf friedlich protestierende Menschen los. Wasserwerfer und Tränengas kamen zum Einsatz (Global Monitoring berichtete). Quellen meldeten mehr als 250 Verletzte und sieben Todesopfer, darunter ein Parlamentarier, der zuerst auf Menschen geschossen hatte und daraufhin von der Menge gelyncht worden war. Als aufgebrachte Demonstranten Häuser von Regierungspolitikern in Brand steckten, zog Ministerpräsident Mahinda Rajapaksa vorerst die Notbremse und gab seinen Rücktritt bekannt. Eine landesweite Ausgangssperre wurde verhängt und Sicherheitskräfte angewiesen, zur Durchsetzung der Maßnahme notfalls auch scharfe Munition einzusetzen. Das deutsche Auswärtige Amt meldete am Abend: „Von nicht notwendigen Reisen nach Sri Lanka wird derzeit auf Grund der schwierigen Versorgungslage und angespannten Sicherheitslage abgeraten.“

Die Branche steht (erneut) vor Problemen

„Die aktuellen Nachrichten zeichnen der Welt ein Bild, das düsterer ist als die Realität“, beklagt Shenalie, eine selbstständige Reiseveranstalterin aus Dehiwala im Südwesten der Insel. „Ich habe deshalb schon ein paar Gruppen verloren.“ Andere Besucher seien trotzdem angereist, berichtet sie. Die Krise hätte Touristen bisher kaum betroffen, da die Veranstalter vor Ort auf Gäste gut vorbereitet gewesen seien. Allerdings lässt sich nicht leugnen, dass der Tourismus in Sri Lanka momentan unter keinem guten Stern steht.

Der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes hatte sich nach langer COVID-19-Pause erst vor wenigen Monaten wieder auf neue Besuchermassen eingestellt: Im März wurde zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder die 100.000-Marke ausländischer Touristen geknackt. Aufgrund der Unruhen wenden sich nun aber vor allem potenzielle Gäste aus Indien, die bislang die größte Gruppe internationaler Besucher darstellten, von der Insel ab. Die Opposition hat ihre Rücktrittsforderungen auf den Staatspräsidenten ausgeweitet, doch nach der Ernennung von Ranil Wickremesinghe zum neuen Ministerpräsident am 12. Mai hatten die Gewerkschaften angekündigt, ihre Streiks vorerst zu beenden.

UPDATE: Ein turbulenter Juli

Die Proteste in Sri Lanka sind Anfang Juli wieder aufgeflammt und haben am Wochenende schließlich den Präsidentenpalast erreicht. Die Regierung versuchte erfolglos, die Demonstrationen mit erhöhter Polizeipräsenz und einer Ausgangssperre über Colombo und die Vororte zu ersticken. Sicherheitskräfte mit Maschinengewehren und Tränengas, postiert um die Residenz des Staatsoberhauptes, konnten jedoch nicht die Stürmung des Gebäudes durch Demonstranten am Samstag (09.07.) verhindern. Der Andrang tausender Menschen zwang den Präsidenten Gotabaya Rajapaksa letztlich zur Flucht, die Residenz blieb bis auf Weiteres besetzt. Auf Social Media tauchten Bilder von Demonstranten auf, die an einem Fernseher im Inneren der Residenz die Berichterstattung über ihre eigenen Proteste verfolgten. Der private Pool des Präsidenten wurde zum öffentlichen Schwimmbad. Die Forderung der Palastbesetzer: Rücktritt des Präsidenten und des Premierministers Ranil Wickremesinghe. Die Regierung hatte keine andere Wahl als nachzugeben: Infolge der Eskalation der Proteste – es hatte mehr als 95 Verletzte gegeben – traten Gotabaya Rajapaksa und Ranil Wickremesinghe mit Wirkung zum Mittwoch (13.07.) tatsächlich von ihren Posten zurück, mehrere Minister folgten. Noch ist nicht absehbar, ob sich die Situation in Sri Lanka in naher Zukunft wieder beruhigt und wer die Führung im Land übernehmen wird. Die wirtschaftliche Lage des Inselstaates scheint sich jedenfalls weiter zuzuspitzen.

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Author

Thorsten Muth