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Reisen nach China: Keine Rückkehr zu Business as Usual?

Für alle diejenigen, die auch noch in Zeiten der Pandemie reisen, ist das Einführen eines Teststäbchens in die Nase oder den Mund bereits eine allzu vertraute Erfahrung geworden. Dieselbe Prozedur allerdings rektal durchgeführt, dürfte für die meisten Reisenden aber eine gänzlich neue Erfahrung darstellen. Schließlich führt derzeit lediglich die Volksrepublik China diese etwas gewöhnungsbedürftige Screening-Methode durch. Dieses höchst umstrittene Verfahren steht sinnbildlich für Chinas Vorgehen im Kampf gegen die Pandemie, das sich stark auf die rücksichtslose Anwendung extrem invasiver Maßnahmen stützt. Obwohl diese Maßnahmen zweifelsohne effektiv bei der Bekämpfung von COVID-19 waren, haben eine Quarantäne von bis zu einem Monat, Familientrennungen und strenge Visa-Vergabeverfahren zu einem rapiden Rückgang von Reisen nach China geführt. Darüber hinaus haben diese Restriktionen auch die Tätigkeiten ausländischer Unternehmen stark behindert und das Leben von vielen in China arbeitenden Expats auf den Kopf gestellt. Doch trotz steigender Impfzahlen wird es in absehbarer Zukunft wohl keine Rückkehr zu einer gewissen Normalität für Geschäftsreisende und Expats in China geben.

Zum Erfolg verdammt?

Auf den ersten Blick erscheint dies wie eine recht seltsame Behauptung. Schließlich hat China bis Ende April offiziell nur etwas mehr als 100.000 COVID-19-Fälle und weniger als 5.000 virusbedingte Todesfälle gemeldet – insgesamt, wohlgemerkt. Bei den Impfungen liegt das Land zwar hinter den weltweiten Spitzenreitern zurück, hat aber dennoch weit über 200 Millionen Dosen verabreicht und weitere Millionen ins Ausland exportiert. Während die meisten Länder immer noch in scheinbar endlosen Lockdowns gefangen sind, ist Chinas Wirtschaft mit einem Wachstum von 18,3 % im ersten Quartal 2021 offenbar wieder voll in Fahrt. In gewisser Weise ist China aber auch zum Erfolg verdammt, oder besser gesagt, gilt dies vor allem für die Zentralregierung in Peking.

Als COVID-19 erstmals in der chinesischen Stadt Wuhan entdeckt wurde, sahen darin viele anfangs eine schwere Legitimationskrise für die Kommunistische Partei Chinas. Über mehrere Wochen hinweg hatten die chinesischen Behörden die Gefahr der neuen Krankheit zuerst heruntergespielt, Mediziner zum Schweigen gebracht und es versäumt, Eindämmungsmaßnahmen zu verhängen. Um ihr anfängliches Versagen wettzumachen und den wachsenden Volkszorn zu bremsen, verhängten die chinesischen Behörden dann aber drakonische Maßnahmen, um die Epidemie um jeden Preis unter Kontrolle zu bringen. Der Erfolg dieser Vorgehensweise übertraf dabei alle Erwartungen, sowohl was die Eindämmung des Virus als auch die Begrenzung des Imageschadens anging. Mehr noch, gerade als die COVID-19-Fälle weltweit in die Höhe schossen, konnte die chinesische Führung den nahezu vollständigen “Sieg” über das Virus verkünden. Allerdings ist diese Siegeserklärung nichts, was Peking so einfach wieder zurücknehmen könnte.

Peking in der Zwickmühle

Pekings inländische Propaganda zielt von Anfang an darauf ab, die “chaotische” Reaktion auf die Pandemie im Großteil der westlichen Welt hervorzuheben und noch weiter zu dramatisieren, während gleichzeitig die “Überlegenheit” des chinesischen Systems gepriesen wird. So gelang es weitgehend, die anfängliche öffentliche Empörung in nationalistischen Stolz umzuwandeln. Das bedeutet aber auch, dass ein Rückfall im Kampf gegen COVID-19 potenziell verheerende Auswirkungen für das Ansehen der chinesischen Führung haben könnte. Dementsprechend wird Peking alles in seiner Macht Stehende tun, um dies zu verhindern. Nun stellt sich aber das Problem, dass die chinesischen COVID-19-Impfstoffe deutlich weniger effizient bei der Verhinderung eines Krankheitsausbruchs sind als die mRNA-Impfstoffe von BioNTech-Pfizer und Moderna, was China anfällig für einen erneuten Anstieg der Fallzahlen und erst recht für eine mutierte Variante des Virus macht.

Theoretisch könnte Peking einfach mRNA-Impfstoffe bestellen, um die Wirksamkeit der Impfbemühungen in China zu erhöhen, jedoch stünde es dann bei der Lieferung ganz hinten in der Schlange. Wesentlich schwerer wiegt, dass chinesische Staatsmedien und Offizielle bereits seit Monaten eine Kampagne führen, um genau diese Impfstoffe zu diskreditieren. Es wäre also höchst peinlich für die chinesische Führung, wenn sie nun auf “westliche” Impfstoffe zurückgreifen müsste, was zudem auch das Narrativ der “Überlegenheit” des chinesischen Systems untergraben würde. Bis heute ist kein ausländischer Impfstoff in China zugelassen worden, und wenn dieses Muster anhält, wird man wohl auch auf in China hergestellte mRNA-Impfstoffe warten, um die Impfeffizienz zu erhöhen.

Mögliche Auswirkungen für internationale Reisende

Da Impfungen weithin als Schlüssel zu einer Rückkehr zur Normalität angesehen werden, hat dies Auswirkungen, die über die chinesische Gesundheitssituation hinausgehen. Weltweit bemüht man sich mit geradezu fieberhafter Hast um die Entwicklung und gegenseitige Anerkennung von Impfpässen, um internationale Reisen zu erleichtern und in manchen Fällen überhaupt erst möglich zu machen. Obwohl auch in China eine Art Impfpass-System entwickelt wird, werden offenbar nur Reisende, die mit einem chinesischen Impfstoff geimpft worden sind, bevorzugt behandelt. Seit kurzem gibt es zwar etwas Hoffnung, dass die chinesischen Behörden ihre starre Haltung gegenüber ausländischen Impfstoffen überdenken könnten. Doch selbst dann bliebe immer noch das Problem der Anfälligkeit Chinas für eine erneute COVID-19-Welle, sobald es sich der Außenwelt öffnen würde. Dementsprechend wird es in absehbarer Zukunft wahrscheinlich keine Rückkehr zur Normalität geben, wenn es um Reisen nach China geht.

Author

Michael Trinkwalder