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Umfrage zu LGBTQ+ Reisesicherheit

&#127752 LGBTQ+ Reisesicherheit von A3M: Verortung von Risiken und Netzwerk von LGBTQ+ Sicherheitsexperten

Zusammen mit der ITB Berlin und Diversity Tourism führte A3M Global Monitoring zwischen Dezember 2024 und April 2025 eine Online-Erhebung mit LGBTQ+-Reiseexpert*innen und LGBTQ+-Personen mit umfangreicher Reiseerfahrung zum Thema Perceptions and Experiences of LGBTQ+ Travellers durch. Die Umfrage umfasste Fragen zur gesellschaftlichen Akzeptanz von LGBTQ+-Communities, zu regionalen Schwerpunkten und regionalen Risiken, zur Akzeptanz einzelner Untergruppen, zur rechtlichen Gleichstellung, zum Umgang mit Behörden und Gesundheitssystemen sowie zu Risiken bei der Nutzung sozialer Netzwerke. Ziel war es, eine Datengrundlage für die Einschätzung von Sicherheitsrisiken für LGBTQ+-Reisende zu schaffen. Dabei lag der Fokus auf der subjektiv empfundenen Sicherheit und persönliche Erfahrungen von Reisenden, um Schwächen von Indizes auszugleichen, die vorrangig die rechtlichen Rahmenbedingungen betrachten oder die Situation der lokalen LGBTQ+-Community abbilden. Viele Länder, in denen repressive Gesetzeslagen vorliegen oder in denen die lokale LGBTQ+-Community starke Diskriminierung erfährt, sind nach Ansicht vieler interviewter Experten bereisbar und haben sogar zum Teil eine sehr lebendige LGBTQ+-Szene. Eine differenzierte Betrachtung der tatsächlichen Risiken für Reisende, bei der auch die Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit von Repression berücksichtigt werden, ist jedoch sowohl für Reisende als auch für die lokale Community wertvoll, da der touristische Austausch durchaus zur Liberalisierung und Öffnung gegenüber LGBTQ+-Themen beitragen kann.
Ergebnisse der Umfrage
Die Rücklaufquote der Umfrage zeigte eine gute Resonanz auf die Umfrage. Insgesamt wurden 123 Einschätzungen zu 36 Ländern abgegeben. Für 18 der 36 Länder lag jedoch nur eine Einzelbewertung vor. Um ein Mindestmaß an Intersubjektivität sicherzustellen, wurden daher nur Länder mit mindestens vier Bewertungen ausgewertet. Kanada, Spanien und Deutschland erhielten dabei hohe Zustimmungswerte – entsprechend ihrer Einstufung in internationalen Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsindizes – während Kanada und Spanien insgesamt am besten abschnitten, mit hoher Zustimmung bei Aussagen wie hier bei Kanada:
LGBTQ+-Personen und Paare werden in der Gesellschaft respektvoll behandelt. 100%
LGBTQ+-Personen können sich wohlfühlen, in der Öffentlichkeit Zuneigung zu ihren Partner*innen zu zeigen. 71%
Verheiratete LGBTQ+-Paare werden genauso behandelt wie heterosexuelle Ehepaare. 71%
LGBTQ+ Personen werden von der Polizei respektvoll behandelt. 57%
Es ist für LGBTQ+-Personen sicher, (Hass-)Verbrechen zu melden. 71%
Auch Spanien zeigte hohe Zustimmungswerte (100 %, 90 %, 80 %, 80 %, 80 %) zu diesen Fragen. In den USA zeigt sich dagegen ein durchmischtes Stimmungsbild. Den oben genannten Aussagen wird nur in einem Drittel bzw. der Hälfte der Einschätzungen eher zugestimmt bzw. voll und ganz zugestimmt (34 %, 34 %, 30 %, 39 %, 52 %). Auffällig war die hohe Zustimmung zur Aussage „Some groups of the LGBTQ+ Community are more or less safe/able to be more open“ – auch in Ländern, bei denen die Akzeptanz durch die Bevölkerung grundsätzlich positiv eingeschätzt wird, lässt sich dies nicht auf alle Teilgruppen der LGBTQ+-Community übertragen: Kanada (71 %), Spanien (90 %), USA (65 %). Auch in den Kommentaren der Umfrage wurde wiederholt auf Unterschiede innerhalb der Community hingewiesen – insbesondere Transpersonen erfahren laut den Einschätzungen häufiger Diskriminierung als schwule oder bisexuelle Männer. Diese Beobachtung wurde auch in den Interviews bestätigt. Deutschland zeigt trotz rechtlicher Gleichstellung eher moderate Werte bei der gesellschaftlichen Akzeptanz. Nur rund die Hälfte der Befragten stimmt den Aussagen zu (d.h. Zustimmung und starke Zustimmung):
LGBTQ+-Personen und Paare werden in der Gesellschaft respektvoll behandelt. 50%
LGBTQ+-Personen können sich wohlfühlen, in der Öffentlichkeit Zuneigung zu ihren Partner*innen zu zeigen. 45%
Es gibt No-Go-Areas für LGBTQ+-Personen und/oder Gegenden, in denen sie darauf achten sollten, ihre Identität zu verbergen. 65%
Verheiratete LGBTQ+-Paare werden genauso behandelt wie heterosexuelle Ehepaare. 55%
Gleichgeschlechtliche Partner werden in rechtlichen Situationen oder in Krankenhäusern als nächste Angehörige anerkannt. 50%
LGBTQ+-Personen werden von der Polizei respektvoll behandelt. 40%
Es ist für LGBTQ+-Personen sicher, (Hass-)Verbrechen zu melden. 50%
Das rechtliche Geschlecht und/oder die Geschlechtsidentität wird von den Behörden anerkannt – nicht nur das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht. 40%
In den Kommentaren zeigt sich dann jedoch immer wieder die Wahrnehmung, dass es ein starkes Stadt-Land-Gefälle gibt und in den Städten eine sehr aktive LGBTQ+-Community vorhanden ist:
Es gibt eine aktive LGBTQ+-Szene, die auch für Tourist*innen zugänglich ist. 85%
Es gibt beliebte LGBTQ+-Stadtviertel. 70%
In Bezug auf die USA spiegeln die Kommentare eine zunehmende Sorge wider, dass die rechtliche Situation unter einer zweiten Präsidentschaft von Donald Trump erneut verschärft wird. Anzumerken ist auch, dass – anders als bei anderen Ländern – die Einschätzungen oft stark voneinander abweichen. Auch hier wird ein großes regionales Gefälle festgestellt.
Ergebnisse der Interviews
Ergänzt wurde die Umfrage durch vertiefende einstündige Interviews mit LGBTQ+-Expert*innen im Tourismussektor sowie mit LGBTQ+-Personen, die umfassende Reiseerfahrung haben. Thematisiert wurden 33 Länder, mit Fokus auf Brasilien, Chile, China, Ecuador, Kanada, Peru, Spanien und die USA. Eine zentrale Erkenntnis: Eine fehlende rechtliche Gleichstellung oder geringe gesellschaftliche Akzeptanz muss nicht zwangsläufig ein Reisehindernis darstellen – insbesondere in touristischen Zentren. So berichteten Expert*innen zu moderat eingestuften Ländern in Südamerika und zu den USA, dass LGBTQ+-Reisende in Städten und Urlaubsregionen selten auf Probleme stoßen. Ortskenntnis bleibt allerdings dort entscheidend, um Regionen oder Stadtteile zu identifizieren, die nicht sicher sind für LGBTQ+-Reisende. Als besondere Risikogruppe wurden, wie sich bereits in der Umfrage zeigte, Trans- und intergeschlechtliche Personen genannt: Probleme entstehen etwa bei widersprüchlichen Geschlechtseinträgen in Reisedokumenten, beim Abgleich des Erscheinungsbilds mit dem Pass oder bei einem alternativen Geschlechtseintrag in den Reisedokumenten, der von den lokalen Regierungen nicht anerkannt wird. In den USA ist dies aktuell ein besonderes Thema, da die Trump-Administration die Neuausstellung von Pässen mit dem non-binären Geschlechtseintrag X aussetzen will – auch ausländische Reisende könnten dann betroffen sein. Problematisch ist insbesondere die Inflexibilität der Einwanderungsbehörden bei widersprüchlichen Geschlechtsangaben und das Risiko von Abschiebehaft. Auch bereits beim Check-in wird geprüft, ob das Aussehen mit dem Bild im Reisepass übereinstimmt, und bei der Sicherheitskontrolle finden Transpersonen häufig nicht-geschultes Personal vor, das auf Leibesvisitationen durch Beamte, die nicht der Geschlechtsidentität entsprechen, bestehen kann. Wegen dieser Schwierigkeiten empfehle sich für Transpersonen besonders, den Global-Entry-Prozess zu durchlaufen, bei dem ein besonderer Background-Check durchgeführt wird und dann Reisende ohne Vorstellung bei einem Einwanderungsbeamten in die USA einreisen können. Auch für Dubai wurde von mehreren Expert*innen festgestellt, dass trotz der aktuellen Gesetzeslage, die prinzipiell die Todesstrafe, Körperstrafen und lange Haftstrafen ermöglicht, Expats und Reisende, die sich mit der LGBTQ+-Community identifizieren, von der Polizei ignoriert werden und eine aktive Untergrundszene vorliegt. Ein Interviewpartner merkte jedoch auch an, dass es wegen der Gesetzeslage keinen polizeilichen Schutz gegen Übergriffe in der Szene geben kann. Eine wichtige Einschränkung zum Thema Bereisbarkeit von Ländern mit Anti-LGBTQ+-Gesetzen ist auch, dass alle Experten persönlich unauffällig reisen, vom Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit absehen und z.B. keine gemeinsamen Betten in Hotelzimmern anfragen. Hier scheint der Einschätzung mehrerer Interviewpartner nach ein Generationsunterschied feststellbar zu sein: während viele ältere LGBTQ+-Personen noch in sehr restriktiven Gesellschaften mit wenig Akzeptanz gegenüber LGBTQ+-Identitäten aufwuchsen, weitreichende Diskriminierung erfahren haben und auch nach einem gesellschaftlichen Wandel im Alltag häufiger unauffällig bleiben wollen, ist es für jüngere LGBTQ+-Personen aus offeneren Gesellschaften schwieriger, die Folgen offen ausgelebter Geschlechtsidentität in unfreien Gesellschaften abzuschätzen. Empfehlungen, auf Reisen Zurückhaltung zu üben, würden mitunter eher als beleidigend empfunden. Spanien wurde dagegen wiederholt als positives Beispiel genannt – vor allem Regionen wie Madrid, Barcelona, die Mittelmeerküste, die Balearen und die Kanaren gelten als besonders LGBTQ+-freundlich. Die gesellschaftliche Akzeptanz sei dort tief verankert, auch für Transpersonen.
Ausblick
Die Umfrage wurde erstmals in dieser Form durchgeführt und soll künftig jährlich wiederholt werden, um Reichweite und Aussagekraft zu erhöhen. Die diesjährigen Ergebnisse zu den einzelnen Ländern werden außerdem noch weiter ausgewertet, durch Nachgespräche erweitert und veröffentlicht. Langfristiges Ziel ist der Aufbau eines Netzwerks zur LGBTQ+-Reisesicherheit, das jährlich Veränderungen erhebt und die Ergebnisse der Community zur Verfügung stellt.

2026 werden wir eine verbesserte LGBTQ+ Risikokarte mit Ländereinstufungen basierend auf den Einschätzungen der LGBTQ+ Community veröffentlichen